Globale Veränderungen wie der Wandel politischer Kulturen, sozialer Ungleichheiten, medialer Welten, der Kunst und Kultur, der Arbeitswelt, der Digitalisierung, weltweiter Migrationsbewegungen und viele andere Faktoren wirken als Transmissionsriemen für sich teils dramatisch verändernde Geschlechterverhältnisse. Die mit der Kategorie Geschlecht verbundenen komplexen Diskurse und Kontroversen bedeuten für Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Kultur, Politik und Kirche eine besondere Herausforderung; dies erklärt den wachsenden Bedarf nach wissenschaftlicher Reflexion und dem Transfer von Gender-Wissen.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, arbeiten die im Marie Jahoda Center for International Gender Studies engagierten Wissenschaftler*innen in intersektionaler Perspektive zusammen. Um Ungleichheitsverhältnisse in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen, werden Wechselwirkungen mit anderen Kategorien wie etwa Klasse, Behinderung, Alter, Religion, sexueller Orientierung oder Ethnizität untersucht und gelehrt.
Das MaJaC ist eine wissenschaftliche Einrichtung in der Trägerschaft der Fakultäten für Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaft und Philologie. Zur Satzung des MaJaC
Marie Jahoda (1907-2001) war eine österreichische Sozialwissenschaftlerin und Sozialpsychologin. Sie wuchs in Wien auf und begann dort nach dem Abitur im Jahr 1926 das Studium der Psychologie. Aufgrund der prekären finanziellen Lage ihrer Familie arbeitete Marie Jahoda neben ihrem Studium unter anderem im Berufsberatungsamt der Stadt Wien, im dortigen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum und als Arbeiterbibliothekarin im Gemeindebau Karl-Marx-Hof. 1932 legte sie ihre Promotion ab und veröffentlichte nur ein Jahr darauf gemeinsam mit ihrem ersten Ehemann Paul Lazarsfeld die bahnbrechende Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“.
Sie arbeitete zunächst im Schuldienst, wurde dann aber als aktives Mitglied der österreichischen Sozialdemokratie und Aktivistin gegen das NS-Regime entlassen. Nach ihrer Verhaftung 1936 emigrierte sie im Jahr darauf nach Großbritannien. Der wissenschaftliche Neuanfang gestaltete sich – wie bei vielen Emigrant*innen – hürdenreich und war zunächst von befristeten Forschungsprojekten geprägt. Von 1939 bis 1941 erhielt sie ein Stipendium der University of Cambridge. Bis zum Kriegsende arbeitete Marie Jahoda schließlich als Freelancerin ohne direkte Anbindung an eine Universität. 1945 ging sie in die USA und arbeitete zunächst als Assistentin von Max Horkheimer.
Mit dem Wechsel an die New York University gelang ihr 1949 schließlich der Sprung auf eine Professur im Bereich der Sozialpsychologie. Hier arbeitete sie an einer Vielzahl von empirischen Studien zu heterogenen Themen wie Vorurteilen, Gruppenkonflikten, Mental Health, Bildungsfragen und beschäftigte sich mit den Folgen des McCarthyismus. 1958 verließ sie die USA und heiratete in zweiter Ehe den englischen Labour-Abgeordneten Austen Albu. 1965 wurde sie Gründungsprofessorin für Sozialpsychologie an der neuen University of Sussex und stand damit auf dem Gipfel ihrer akademischen Laufbahn.
Marie Jahodas wissenschaftliches Schaffen steht für gelebte Interdisziplinarität – gerade auch im Hinblick auf die Methodenauswahl – und Internationalität. Durch die konsequente Verbindung ihrer wissenschaftlichen Forschung mit gesellschaftlichen Fragestellungen und ihr ausgeprägtes öffentliches Engagement in politischen Organisationen ist Marie Jahoda bis heute Vorbild für einen intensiven Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.
1994 wurde an der Ruhr-Universität Bochum die nach Marie Jahoda benannte Gastprofessur für Internationale Geschlechterforschung ins Leben gerufen.
Literatur:
Steffani Engler/Brigitte Hasenjürgen (Hrsg.), Marie Jahoda. Ich habe die Welt nicht verändert. Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, Weinheim/Basel 2002
Johann Bacher/Waltraud Kannonier-Finster/Meinrad Ziegler (Hrsg.), Marie Jahoda. Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850-1930. Dissertation 1932. Mit einem Portrait über die Autorin von Christian Fleck, Innsbruck/Wien/Bozen 2017
Hinter dem Marie Jahoda Center for international Gender Studies verbirgt sich ein hoch dynamischer Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Fakultäten der Ruhr-Universität Bochum, die in Lehre, Forschung und Wissenstransfer engagiert sind.
Das MaJaC koordiniert zwei interdisziplinäre Studiengänge für Gender Studies, den 2-Fächer Master Gender Studies – Kultur, Kommunikation, Gesellschaft und den 1-Fach Master International Gender Studies.
Im Gender Lab kommen die am MaJaC beteiligten Wissenschaftler*innen zu gemeinsamen Forschungsprojekten zusammen, empfangen jährlich im Rahmen des Marie Jahoda Fellowship-Programms internationale Wissenschaftler*innen und bauen damit über das Ruhrgebiet hinaus Wissensnetzwerke zu aktuellen Themen der Geschlechterforschung auf. Überdies präsentieren sie laufende Lehrstuhlprojekte, die auch zu den Themen des MaJaC-Colloquiums gehören.
Der intensive Diskurs mit der Gesellschaft und die Entwicklung von konkreten Projekten zur Überwindung von Gender Biases steht im Mittelpunkt des Arbeitsbereiches Gender in Society.
Unter der Rubrik Aktuellesfinden sich Podcast-Serien, Hinweise zu MaJaC-Veranstaltungen, Veranstaltungen zur Geschlechterforschung unserer regionalen Partneruniversitäten, der TU Dortmund und der Universität Duisburg-Essen, ausgewählte Veranstaltungen des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung und ein Pressespiegel.